Seine Geschichte


Friedrich Wilhelm Raiffeisen

1818 – 1888



Der Mensch

Friedrich Wilhelm Raiffeisen wurde am 30. März 1818 in Hamm/Sieg (Westerwald) geboren. Er war das siebente von neun Geschwistern. Vater Gottfried Friedrich Raiffeisen war Landwirt und zeitweise Bürgermeister in Hamm. Seine Familie lässt sich im schwäbisch-fränkischen Raum bis ins 16. Jahrhundert nachweisen. Die Familie der Mutter Amalie Christiane Susanna Maria, geb. Lantzendörffer, stammt aus dem Siegerland.

Der junge Raiffeisen wählte als Beruf die militärische Laufbahn; sie führte ihn nach Köln, Koblenz und Sayn. Ein Augenleiden zwang ihn 1843, den Militärdienst aufzugeben und in den zivilen Verwaltungsdienst zu wechseln. Nach kurzer Ausbildung wurde er 1845 kommissarischer Bürgermeister der 25 Gemeinden umfassenden Amtsbürgermeisterei Weyerbusch im Westerwald.

Im gleichen Jahr heiratete Raiffeisen die Apothekerstochter Emilie Storck aus Remagen am Rhein. Von sieben Kindern aus dieser Ehe starben drei sehr früh. Die älteste Tochter Amalie blieb unverheiratet und war lange Jahre Raiffeisens Sekretärin. Sein Sohn Rudolf war von 1889 bis 1892 Generalanwalt der Raiffeisen-Organisation.

Aufgrund seiner Leistungen wurde Raiffeisen 1848 Bürgermeister der größeren Gemeinde Flammersfeld und 1852 in Heddesdorf bei Neuwied.

Raiffeisens Frau starb 1863 nach langem Herzleiden im Alter von 36 Jahren. Bei einem Krankenbesuch während einer Typhusepidemie infizierte sich Raiffeisen. Als Folge verschlimmerte sich sein Augenleiden, so dass er Ende 1865 im Alter von 47 Jahren in den Ruhestand treten musste.

Die geringe Pension reichte nicht für den Lebensunterhalt der Familie aus. Raiffeisen versuchte, zunächst mit einer kleinen Zigarrenfabrik, dann mit einer Weinhandlung zusätzliche Einkünfte zu erzielen.

1867 heiratete er die Witwe Johanna Maria Panseroth. Die Ehe blieb kinderlos. Seine Frau überlebte ihn um zwölf Jahre.

1881 gründete Raiffeisen ebenfalls in Neuwied eine Druckerei, die noch heute unter seinem Namen arbeitet und 1975 mit dem Deutschen Genossenschafts-Verlag zusammengeführt wurde.

Am 11. März 1888, kurz vor Vollendung des 70. Lebensjahres, starb Friedrich Wilhelm Raiffeisen in Heddesdorf.

Die Idee

Die Bauernbefreiung und die beginnende Industrialisierung des 19. Jahrhunderts brachten insbesondere den Menschen in den ländlichen Gebieten eine nie gekannte wirtschaftliche Freizügigkeit und Eigenständigkeit. Da sie in wirtschaftlichen Dingen völlig unerfahren waren, gerieten sie bald in die Abhängigkeit skrupelloser Wucherer, verschuldeten sich hoch, verloren vielfach ihren Besitz und gerieten in Armut.

– Hilfe durch Selbsthilfe –

Veranlasst durch diese Not gründete Raiffeisen als junger Bürgermeister im Hungerwinter 1846/47 in Weyerbusch den „Verein für Selbstbeschaffung von Brod und Früchten“. Mit Hilfe privater Spenden kaufte er Mehl. In einem selbsterrichteten Backhaus wurde Brot gebacken, das auf Vorschuss an die Bedürftigen verteilt wurde. Der „Brodverein“ sowie der 1849 gegründete Flammersfelder „Hülfsverein“ und der Heddesdorfer Wohltätigkeitsverein von 1854 waren vorgenossenschaftliche Zusammenschlüsse auf karitativer Grundlage.

Nachdem Raiffeisen erkannt hatte, dass auf Dauer eine erfolgreiche Arbeit nur durch gemeinschaftliche Selbsthilfe wirksam sein konnte, gründete er 1864 den Wohltätigkeitsverein in den Heddesdorfer Darlehnskassen-Verein um. Damit entstand die erste ländliche Genossenschaft.

Seine Erfahrungen beschrieb Raiffeisen 1866 in dem Buch „Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter“. Es ist in acht Auflagen erschienen und hat weltweite Verbreitung gefunden.

Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte entwickelte sich auf der Grundlage der Ideen von Raiffeisen die bis heute leistungsfähige, für das wirtschaftliche und soziale Wachstum unentbehrliche Raiffeisen-Organisation.

Das Werk

Auf  Basis der genossenschaftlichen Grundprinzipien Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung entstanden in schneller Folge weitere Genossenschaften unter Raiffeisens Mitwirkung. Bereits diese ersten Gründungen versorgten die Landwirte mit Produktionsmitteln, z.B. Saatgut und Vieh. Die Darlehenskassen-Vereine übernahmen Geldgeschäfte und führten den landwirtschaftlichen Warenhandel in besonderen Abteilungen durch. Daneben entstanden Warengenossenschaften, z.B. Bezugs- und Absatzgenossenschaften, Molkerei-, Vieh- und Winzergenossenschaften.

Bereits wenige Jahre nach Gründung der ersten Genossenschaften baute der Landwirtschaftliche Verein für Rheinpreußen unter Raiffeisen als Direktor die erste Einrichtung zur Betreuung der Genossenschaften auf regionaler Ebene auf. 1877 entstand der „Anwaltschaftsverband ländlicher Genossenschaften“ als erster Spitzenverband der ländlichen Genossenschaften.

Um die Vorteile des gemeinsamen Bezugs für die Genossenschaften zu nutzen, gründete Raiffeisen 1881 eine genossenschaftliche Handelsgesellschaft und damit die erste Warenzentrale. Gleichartige Gründungen in anderen Regionen folgten.

Auf dem Weg zum Verbund

Um den Liquiditätsausgleich zwischen den kleinen Darlehnskassen zu ermöglichen, richtete Raiffeisen 1872 die Rheinische Landwirtschaftliche Genossenschaftsbank in Neuwied als erste ländliche Zentralbank ein.