Die Raiffeisen-Prinzipien


Vortrag von Herrn Dr. Hans-Detlef Wülker,
Mitglied des Vorstandes des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbandes e.V. (DGRV), Bonn,
Generalsekretär der Internationalen Raiffeisen-Union (IRU),

am 06. April 1995 im Hause der Rabobank, Utrecht,
anlässlich eines IRU/IGB-Arbeitstreffens


I. Vorbemerkungen

  1. Kein Genossenschaftssystem eines Landes kann spiegelbildlich auf andere Länder übertragen werden. Soziale, wirtschaftliche, historische, ethnische Bedingungen in den einzelnen Ländern erfordern eine entsprechende Anpassung.
  2. Raiffeisen hat seine Prinzipien nie als etwas Starres betrachtet. Sie sind vielmehr Leitplanken, an denen sich die genossenschaftliche Arbeit je nach aktuellen ökonomischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten orientieren kann. Diese Prinzipien sind so, dass sie in ihrer Ausgestaltung und in ihrer praktischen Umsetzung ausserordentlich flexibel zu handhaben sind.

II. Kernprinzipien

  1. Selbsthilfe, d.h. Menschen in gleicher oder ähnlicher wirtschaftlicher Situation schließen sich zusammen, sie bringen selber erforderliche finanzielle Mittel für einen gemeinsamen genossenschaftlichen Betrieb auf und erklären sich bereit, füreinander einzustehen. Sie erwarten, dass die Mitgliedschaft in der Raiffeisen-Genossenschaft den fehlenden Zugang zum Markt und Kapital im Wettbewerb ausgleicht, die eigene Marktposition verbessert und ihre wirtschaftlichen Bedürfnisse besser befriedigt. Sie erwarten im weitesten Sinne Zugang zum Markt, Zugang zum Kapital.
  2. Selbstverwaltung, d.h. die Mitglieder ordnen die internen Verhältnisse der Raiffeisen-Genossenschaft selber. Sie schützen damit die Raiffeisen-Genossenschaft vor Fremdeinflüssen. Das bedeutet, Raiffeisen-Genossenschaften sind in ihrem Innenverhältnis keinen Weisungen Dritter unterworfen. Die Mitglieder bestimmen über ihre Organe die wirtschaftlichen Aktivitäten des gemeinsamen Unternehmens. Diese innere Demokratie ist ein wesentliches Element des Raiffeisen-Systems.
  3. Selbstverantwortung, d.h. die Mitglieder selbst sind für die Existenz und die Erhaltung des Genossenschaftsunternehmens verantwortlich und haften auch dafür nach aussen. Solidarische Haftung schafft Vertrauen gegenüber anderen Organisationen im Wirtschaftsleben.
  4. Freiwilligkeit, d.h. die Mitgliedschaft in einer Raiffeisen-Genossenschaft ist freiwillig, wer sie eingeht, kann dies nur freiwillig tun, denn er übernimmt in einer Genossenschaft nicht nur Rechte, sondern auch wesentliche Pflichten. Jeder hat das Recht, einzutreten und jeder hat das Recht, auszutreten. Wer sich aber für eine Zusammenarbeit mit der Genossenschaft entschließt, hat die Pflicht, diese Zusammenarbeit zu praktizieren.
  5. Mitgliederförderung, d.h. im Mittelpunkt der Arbeit der Raiffeisen-Genossenschaft steht das Mitglied. Der Grundauftrag der Raiffeisen-Genossenschaft ist darauf ausgerichtet, dem Mitglied die Dienste anzubieten, die dieses Mitglied benötigt, d.h. dessen Bedürfnisorientierung steht im Vordergrund. Das Mitglied wird gefördert. Die Erfüllung dieses Förderauftrages ist nur dann dauerhaft, wenn Marktanteile erhalten und vergrößert werden, Wachstum erzielt wird und die Substanzerhaltung sowie die Liquidität gesichert sind. Deshalb: Zweck und Aufgabe der Genossenschaft kann es nicht sein, irgendwelche sozialpolitischen, gemeinwirtschaftlichen oder gar Aufträge von staatlichen Stellen zu erfüllen.
  6. Offene Mitgliedschaft, d.h., jeder, der als Mitglied in eine Raiffeisen-Genossenschaft eintreten will, hat die Möglichkeit, dies im Rahmen der gesetzlichen und statutarischen Regelungen zu tun. Raiffeisen-Genossenschaften gehen nicht von einer geschlossenen Mitgliederzahl aus, damit die Genossenschaft in ihrem Bestehen unabhängig vom Eintreten oder Austreten der Mitglieder ist.
  7. Identitätsprinzip, d.h. die Genossenschaft ist eine Personenvereinigung, ein Mitgliederverein und ein Unternehmen zugleich. Das Unternehmen wird gemeinsam getragen und genutzt. Somit besteht zwischen Mitglied und Raiffeisen-Genossenschaft eine dreifache Bindung. Das Mitglied ist finanzieller Träger, das Mitglied ist Träger von Entscheidungs- und Kontrollbefugnissen und das Mitglied ist Leistungsabnehmer. Die ökonomische Beziehung zwischen den Mitgliedern und die Beziehungen aus der sozialen Gruppe der Personenvereinigung hängen eng miteinander zusammen: Funktioniert das genossenschaftliche Unternehmen nicht, funktioniert auch die Personenvereinigung nicht und umgekehrt.
  8. Verbundprinzip, d.h. Raiffeisen-Genossenschaften schließen sich auf Grund ihrer Größe, Dezentralität und häufig nur regionalen Ausrichtung in Verbundeinrichtungen zusammen. Dadurch wird das Prinzip der Selbsthilfe erweitert. Durch den Verbund wird die Förderleistung der einzelnen dem Verbund angeschlossenen Genossenschaften gesteigert. Die Verlagerung von Aufgaben auf Verbundunternehmen führt dazu, dass die Überschaubarkeit beibehalten, andererseits aber die Wettbewerbsfähigkeit erhöht wird. Diese unternehmensbezogenen Verbundsysteme, die aus betriebswirtschaftlichen Gründen gebildet werden, werden durch administrative Verbundeinrichtungen ergänzt, die die Raiffeisen-Genossenschaften beraten, prüfen und deren Interessen wahrnehmen. Sie haben Koordinierungs-, Beratungs-, Betreuungs- und Schulungsfunktionen. Von existenzieller Bedeutung für die Genossenschaften und ihre Organisationen ist die Prüfungstätigkeit dieser Verbundeinrichtungen. Verbundunternehmen übernehmen nur die Aufgaben, die von den Ortsgenossenschaften nicht selbst wahrgenommen werden können. Das genossenschaftliche Subsidiaritätsprinzip ist die Grundlage auch der verbundwirtschaftlichen Zusammenarbeit.
  9. Überschaubarkeitsprinzip / Regionalitätsprinzip, d.h. der Aktionsradius einer Raiffeisen-Genossenschaft soll möglichst überschaubar sein. Das Prinzip der Dezentralität fußt darauf, dass kleinere Einheiten hohe Beweglichkeit, größere Markt- und Kundennähe, größere Mitgliedernähe – daraus abgeleitet -strategische Wettbewerbsvorteile garantieren. So kann die Raiffeisen-Genossenschaft die unterschiedlichen Bedürfnisse und Interessen der Mitglieder erfüllen. Diese genauen Kenntnisse der Verhältnisse vor Ort im weiteren Sinne ermöglichen kurze Entscheidungswege und kurze Entscheidungszeiträume. Deshalb sind der persönliche Bezug und die soziale Kontrolle, die Mitgliedernähe auch dann zu wahren, wenn dieses Lokalitäts- oder Ortsprinzip im engeren Sinne überschritten wird.
  10. Prinzip der Unabhängigkeit der Genossenschaften vom Staat, d.h. Raiffeisen-Genossenschaften gehören ihren Mitgliedern und sind diesen verpflichtet, sie sind unabhängig vom Staat. Raiffeisen-Genossenschaften sind kein Instrument zur Durchsetzung gesellschafts-, sozial- oder wirtschaftspolitischer Zielsetzungen. Sie können und wollen staatliches Handeln nicht ersetzen. Raiffeisen-Genossenschaften erwarten vom Staat lediglich, dass er Chancengleichheit, Wettbewerbsneutralität sowie klare politische und rechtliche Rahmenbedingungen gewährleistet. Gesellschaftliche Funktionen erfüllen die Genossenschaften nur indirekt. Sie tragen zur Stärkung der Mitglieder bei durch eine breite Streuung des Eigentums. Sie verankern demokratische Prinzipien, sie stärken das selbstverantwortliche Handeln freier Bürger, sie bejahen den freien Wettbewerb, sie stellen den einzelnen Menschen und seine Leistung in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Genossenschaften verlangen Solidarität, aber sie verneinen Kollektivismus. Sie erfüllen nicht Ziele des Allgemeinwohls und haben keinen öffentlichen Auftrag, sondern fördern allein die Wirtschaft und den Erwerb ihrer Mitglieder. Sie sind konfessionell und parteipolitisch unabhängig.

III. Schlussbemerkungen

  1. Die Grundsätze Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Selbstverwaltung gelten unverändert. Verändert haben sich lediglich die Formen, in denen diese Grundsätze verwirklicht werden. Konzentration, Industrialisierung, Strukturwandel und Globalisierung vieler wirtschaftlichen Aktivitäten zwingen die Genossenschaften wie jedes Unternehmen, ihre eigenen Organisationsstrukturen anzupassen, um dem Wettbewerb Stand zu halten, den Förderungsauftrag als oberste Unternehmensmaxime auch im Sinne der Mitglieder optimal zu erfüllen.
  2. Genossenschaften zur Zeit Raiffeisens können nicht mit den heute existierenden verglichen werden. Wichtiger ist, dass die Raiffeisen-Prinzipien im Geist die heutigen Genossenschaften prägen. Diese Prinzipien müssen aber für die praktische Wirtschaftsweise fortwährend an die Rahmenbedingungen und deren Gesellschaften und Volkswirtschaften angepasst werden, damit Genossenschafts-Organisationen auch in der Zukunft mit ihnen verbundenen Menschen, den Mitgliedern, dienen können.