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Die deutsche Raiffeisenorganisation Vortrag Sehr geehrter, lieber Präsident Dr. Konrad, Meine Damen und Herren, ich freue mich, auf der diesjährigen Mitgliederversammlung der Internationalen Raiffeisen-Union (IRU), die in Deutschland stattfindet, zu Ihnen zu sprechen, um Ihnen die deutsche Raiffeisen-Organisation auch ein Stück näher zu bringen. Die IRU ist 1968 in Deutschland gegründet worden. Die IRU ist ein weltweiter freiwilliger Zusammenschluss, zu dessen Gründungsmitgliedern der Deutsche Raiffeisenverband (DRV) gehört. Ich möchte Ihnen gerne erläutern, wie wir hier in Deutschland in unserer täglichen Arbeit in den Genossenschaften der unterschiedlichen Sparten die Idee von Friedrich Wilhelm Raiffeisen markt- und mitgliederorientiert umsetzen. Im Rahmen dieses kurzen Vortrages möchte ich auf einige, gerade für die landwirtschaftlichen Genossenschaften aktuelle Entwicklungsfelder Bezug nehmen und verdeutlichen, wie sie die Umsetzung genossenschaftlicher Ideen und Prinzipen auch beeinflussen.
Entwicklung und Struktur Der Genossenschaftsgedanke "Hilfe zur Selbsthilfe" kann in Deutschland nunmehr auf eine über 150-jährige Geschichte zurückblicken. Zeitlich parallel entwickelten Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch die noch heute aktuellen und wirksamen Grundprinzipen des Genossenschaftswesens. Die von diesen beiden herausragenden Persönlichkeiten gegründeten Raiffeisengenossenschaften und Volksbanken bilden letztendlich die Wurzeln für den heute so wichtigen genossenschaftlichen Verbund mit seinen wirtschafts- und auch gesellschaftspolitischen Auswirkungen. Das Dach unseres Verbundes bildet der Deutsche Genossenschafts- und Raiffeisenverband (DGRV). Der DGRV ist in erster Linie der Prüfungsverband der deutschen Genossenschaftsorganisation. Die Genossenschaftsorganisation ist dabei bei weitem mitgliedsstärkste Wirtschaftsorganisation in Deutschland mit immerhin 16,4 Mio. Menschen. Als gesetzlicher Prüfungsverband hat der DGRV alle Prüfungen seiner Regional- und Bundeszentralen, der Spezialinstitute sowie der Verbände durchzuführen. Der DGRV ist das Kompetenzzentrum in Fragen der Rechnungslegung, der Prüfung und auch der prüfungsnahen Beratung. In dieser Funktion nimmt er die Interessenvertretung der genossenschaftlichen Gruppe wahr. Mit seiner Auslandsarbeit leistet der DGRV einen wichtigen Beitrag in der Entwicklungspolitik. Im Bereich der genossenschaftlichen Auslandsarbeit ist der DGRV vor allem in den Ländern der Dritten Welt, aber auch in Mittel- und Osteuropa tätig. Dabei kooperiert der DGRV mit verschiedenen Bundesministerien und –behörden. Vor allem das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert maßgeblich die entwicklungspolitische Arbeit des DGRV. Auf nationaler Ebene werden die Genossenschaften in Sparten von drei Bundesverbänden vertreten und betreut. Diese sind:
Und hier schließt sich wieder der Kreis. Von diesen drei Spartenverbänden bilden die Präsidenten einen wesentlichen Teil des Präsidiums beim DGRV. Einige Bemerkungen jetzt zu dem Selbstverständnis dieser einzelnen Sparten, damit Sie diese Zusammenhänge vielleicht auch nachvollziehen können, wie wir hier organisiert sind. Selbstverständnis des BVR Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken e.V. (BVR) betreut den kreditgenossenschaftlichen Finanzverbund. Mit 30 Millionen Kunden, über 15 Millionen Mitgliedern und rund 170.000 Mitarbeitern sind Volksbanken und Raiffeisenbanken eine tragende Säule des deutschen Kreditgewerbes und ein wichtiger Faktor in der deutschen Wirtschaft. Zusammen mit leistungsfähigen Spezialinstituten bilden die rund 1.400 Volksbanken und Raiffeisenbanken den genossenschaftlichen FinanzVerbund. Zu ihm gehören die Zentralbanken DZ Bank und WGZ-Bank, die genossenschaftlichen Hypothekenbanken DG HYP, Münchener HYP und WL-BANK sowie die Bausparkasse Schwäbisch Hall, R+V Versicherung, Union Investment Gruppe und VR LEASING. Die konsolidierte Bilanzsumme des FinanzVerbundes liegt bei 808 Milliarden Euro (2003) und damit höher, als die der weltweit operierenden Deutschen Bank. Dem Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) mit Sitz in Berlin gehören alle Genossenschaftsbanken an. Mitglieder des BVR sind außerdem die genossenschaftlichen Zentralbanken, die Unternehmen des FinanzVerbundes und die Prüfungsverbände der Gruppe. Als Spitzenverband der Kreditwirtschaft vertritt der BVR bundesweit und international die Interessen der genossenschaftlichen Bankengruppe. Innerhalb der Gruppe entwickelt und koordiniert der BVR die gemeinsame Strategie der Volksbanken und Raiffeisenbanken. Er berät und unterstützt seine Mitglieder in rechtlichen, steuerlichen und betriebswirtschaftlichen Fragen. Die Sicherungseinrichtung des BVR garantiert einen umfassenden Einlagen- und Institutsschutz. Selbstverständnis des ZGV Dem Zentralverband Gewerblicher Verbundgruppen (ZGV) obliegt die Betreuung der gewerblichen Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften. Die vom ZGV vertretenen Kooperationen, überwiegend des Handels und des Handwerks, sind klassischerweise mittelständisch geprägt. Dem ZGV sind 300 Kooperationen mit insgesamt 180.000 Anschlusshäusern, mit etwa zwei Millionen Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von ca. 90 Milliarden Euro angeschlossen. Rund die Hälfte dieser Verbundgruppen besitzt die Rechtsform einer eingetragenen Genossenschaft. Die im ZGV organisierten Verbundgruppen sichern den angeschlossenen mittelständischen Unternehmen die Fähigkeit, gegenüber Großvertriebsformen zu bestehen, indem sie vor allem durch gemeinsamen Einkauf und auch gemeinsames Marketing die Anschlusshäuser entlasten, so dass diese ihren Wettbewerbsvorteil, nämlich größere Kundennähe und bessere Beratung, voll ausspielen können. Selbstverständnis des DRV Der Deutsche Raiffeisenverband e.V. (DRV) betreut die ländlichen Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften einschließlich der Kreditgenossenschaften mit Warengeschäft. Nahezu alle deutschen Landwirte, Gärtner und Winzer sind Mitglied einer oder mehrerer Genossenschaften. Die landwirtschaftlichen Genossenschaften sind als Bezugs-, Absatz-, Verarbeitungs- und Vermarktungseinrichtungen schlagkräftige Selbsthilfeeinrichtungen der Landwirte. Derzeit arbeiten im Bundesgebiet 3.286 Raiffeisen-Genossenschaften, die zusammen 120.000 Mitarbeiter beschäftigen und einen addierten Gesamtumsatz von 37,5 Mrd Euro erzielen.
Aufgabe der landwirtschaftlichen Genossenschaften Für die Genossenschaften als Wirtschaftsunternehmen ist das Ziel, ihre Mitglieder in ihrer wirtschaftlichen Situation unmittelbar zu fördern. Die Genossenschaften haben sich so zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. Im Zentrum allen Geschehens steht allerdings der Markt. Die Raiffeisen-Genossenschaften mit ihrem Verbund aus Primärgenossenschaften und Zentralgenossenschaften verstehen sich zu Recht als die Marktorganisation der deutschen Landwirtschaft. Denn die Landwirte tätigen sowohl in der Beschaffung als auch beim Absatz 50 % ihrer Umsätze mit genossenschaftlichen Partnern. Oder vielleicht anders herum ausgedrückt: In ihren Genossenschaften haben sich die Landwirte wirtschaftlich organisiert:
In Deutschland sind gegenwärtig rund 400.000 Landwirte, Winzer und Gärtner tätig. Die Raiffeisen-Genossenschaften registrieren hingegen rund 600.000 Mitgliedschaften von Landwirten. Rein rechnerisch ist also jeder Landwirt Mitglied und Kapitalgeber einer, manchmal sogar mehrerer Genossenschaften. Rund 30.000 Landwirte übernehmen ehrenamtliche Aufgaben in Aufsichtsräten und Vorständen unserer Genossenschaften.
Veränderte Rahmenbedingungen Meine sehr verehrten Damen und Herren, die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen ändern sich fortlaufend und zwingen die Genossenschaften, sich an den neuen Gegebenheiten auszurichten. Ich möchte gern auf drei Aspekte, die für die landwirtschaftlichen Genossenschaften aktuell von besonderer Bedeutung sind, näher eingehen. Diese sind:
Ungleiche Marktmachtverhältnisse gegenüber den Lebensmitteleinzelhandelsketten (LEH) Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel (LEH) ist durch eine extreme Konzentration gekennzeichnet. Die zehn größten Unternehmen erwirtschaften 85 % aller Umsätze. In der Summe erzielen die beiden größten Unternehmen allein den gleichen Umsatz, wie die rund 400.000 Landwirte. Um in Augenhöhe mit diesem starken Lebensmitteleinzelhandel erfolgreich verhandeln zu können, und in der erweiterten EU neue Märkte erschließen zu können, muss die Schlagkraft unserer Unternehmen – insbesondere in der Fleisch- und Milchwirtschaft – weiter gesteigert werden. Strategische Partnerschaften und weitere Fusionen sind das Mittel der Wahl, das Angebot noch stärker zu bündeln und die Marktposition der genossenschaftlichen Unternehmen auszubauen. Nur so können Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit dauerhaft gesichert werden. Wir erwarten, dass sich das Tempo der Strukturanpassungen nochmals wesentlich erhöht. EU-Integration und Osterweiterung In der Vergangenheit ist sowohl die Vertiefung der bisherigen Beziehungen in der EU, als auch die räumliche Erweiterung rasant fortgeschritten. Die heutige EU mit mittlerweile 25 Mitgliedsländern hat einen weltweit einmaligen Integrationsgrad für eine Gruppe souveräner Staaten erreicht. Diese Entwicklung birgt verschiedene Herausforderungen für die Genossenschaften:
WTO-Verhandlungen Erhebliche Bedeutung für den Strukturwandel in der Landwirtschaft und damit auch für die Genossenschaften wird den Ergebnissen der WTO-Verhandlungen zukommen. Das Ziel der WTO ist die fortschreitende Liberalisierung des Welthandels und die Öffnung der Märkte. Bei der Verfolgung dieser Prämissen sollten jedoch die besonderen Gegebenheiten der europäischen Landwirtschaft berücksichtigt werden, so dass eine wettbewerbsfähige, aber auch nachhaltige europäische Landwirtschaft gesichert bleibt. Nachhaltigkeit bedeutet für mich dabei:
Mit der Umsetzung der EU-Agrarreform agiert Europa sehr progressiv im Sinne der Grundhaltung der WTO. Damit steht Europa auch in den künftigen WTO-Verhandlungen nicht mit dem Rücken zur Wand. Für die Mitgliedstaaten bedeutet letztendlich die Umsetzung der EU-Agrarreform eine Beschleunigung des Strukturwandels im landwirtschaftlichen Bereich. Die Landwirte müssen sich dem Wettbewerb stellen und mit ihnen werden sich die Genossenschaften für diesen Wettbewerb rüsten. Danke schön.
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